Der erste Vortrags- und Diskussionsabend mit Gästen im Jahr 2026 findet am Mittwoch, den 14. Januar statt.
Das Thema:
Simone Veil – Das Gewissen Europas
„Mein Leben gehört der Geschichte.“ Simone Veil (1927–2017) war weit mehr als eine Politikerin; sie war eine Überlebende, eine Reformerin und eine leidenschaftliche Europäerin. Ihr Leben spiegelt die Zerrissenheit und den Wiederaufbau des 20. Jahrhunderts wider. In diesem Vortrag beleuchten wir den Weg einer Frau, die gegen alle Widerstände für die Würde des Einzelnen und die Einigung des Kontinents kämpfte.
Die drei Säulen ihres Wirkens
- Überleben und Zeugenschaft: Als Überlebende des Holocaust (Auschwitz-Birkenau) machte sie es sich zur lebenslangen Aufgabe, die Erinnerung an die Shoah wachzuhalten und gegen das Vergessen zu kämpfen.
- Die Befreiung der Frauen: Als französische Gesundheitsministerin setzte sie 1975 gegen massive gesellschaftliche und politische Widerstände die Legalisierung des Schwangerschaftsabbruchs durch (das „Loi Veil“).
- Pionierin für Europa: 1979 wurde sie zur ersten Präsidentin des direkt gewählten Europäischen Parlaments ernannt. Sie sah in der europäischen Einigung die einzige Antwort auf die Gräuel der Vergangenheit.
„Europa ist das größte Abenteuer des 21. Jahrhunderts.“ – Simone Veil
Dass Simone Veil in Deutschland weit weniger bekannt ist als in Frankreich, liegt nicht an mangelnder Relevanz, sondern an einer Kombination aus nationalem Fokus, unterschiedlichen Erinnerungskulturen und politischen Strukturen:
1. Nationale Identifikationsfigur vs. ausländische Ministerin
In Frankreich ist Simone Veil eine Ikone der Republik. Das „Loi Veil“ (das Gesetz zur Abtreibung) war ein traumatischer, aber reinigender gesellschaftlicher Umbruch, der fest mit ihrem Namen verbunden ist. In Deutschland verlief die Debatte um den § 218 zur gleichen Zeit völlig anders und hatte eigene Protagonistinnen (wie Alice Schwarzer). Da sie ihre größten innenpolitischen Siege in Frankreich feierte, blieb sie für viele Deutsche „nur“ eine französische Politikerin.
2. Unterschiedliche Schwerpunkte in der Shoah-Erinnerung
Obwohl Simone Veil Auschwitz überlebte, wurde sie in Deutschland lange Zeit primär als EU-Politikerin wahrgenommen.
In Frankreich: Sie war die Stimme, die das Schweigen der Überlebenden brach und die Mitschuld des Vichy-Regimes thematisierte.
In Deutschland: Hier standen oft deutsche Überlebende oder jüdische Intellektuelle aus dem eigenen Sprachraum (wie Hannah Arendt oder Paul Celan) im Zentrum des Diskurses. Veil wurde zwar hochgeschätzt (sie hielt 2004 eine bedeutende Rede vor dem Bundestag), blieb aber im kollektiven Gedächtnis eher eine „Staatsfrau“ als eine zentrale Figur der deutschen Aufarbeitung.
3. Das „Gläserne Dach“ des Europaparlaments
Simone Veil war die erste Präsidentin des direkt gewählten Europäischen Parlaments (1979). Doch paradoxerweise ist die EU-Politik oft ein Feld, das in den nationalen Öffentlichkeiten weniger Aufmerksamkeit erfährt. Während sie in Straßburg Geschichte schrieb, konzentrierten sich die deutschen Medien meist auf die Bundespolitik in Bonn.
4. Bescheidenheit statt politischer Show
Veil galt als „unbequeme Intellektuelle“, die sich nie einer Parteilogik unterwarf. Sie betrieb keine Selbstdarstellung, wie man sie von anderen großen Staatsmännern der Ära (wie Mitterrand oder Kohl) kannte. Ihre Macht war eher moralischer Natur – und solche „leisen“ moralischen Instanzen werden über Grenzen hinweg oft langsamer wahrgenommen als laute politische Akteure.
Warum es sich lohnt, sie gerade in Deutschland „neu“ zu entdecken:
Gerade heute ist Veil aktueller denn je, weil sie die Brücke schlug zwischen:
Der Vergangenheit (Lehren aus dem Holocaust)
Der Gegenwart (Frauenrechte und Selbstbestimmung)
Der Zukunft (ein vereintes, friedliches Europa)
Empfehlungen zur Vertiefung
Simone Veil | Karambolage | ARTE (YouTube)
27.01.2004 - Simone Veil (ZDF)
Simone Veil: Holocaust-Überlebende und erste Frau an der Spitze des Europäischen Parlaments
Rede von Frau Simone Veil vor dem Bundestag, Berlin, 27. Januar 2004 (Bundestag.de)
Eine Frau mit Überzeugungen, aber ohne Illusionen (Deutschlandfunk)
