Atombombe im Wunderkerzenkostüm

"Eine Gruppe ohne abweichende Meinung ist besorgniserregend."

Miriam Hugo legte als Abschlussarbeit in Kommunikationsdesign das bemerkenswerte Buch "Atombombe im Wunderkerzenkostüm" vor. Es geht um Manipulation und Willensfreiheit. Im Rahmen der Recherche suchte und fand sie Kontakt zu Freimaurerinnen in Düsseldorf und so entstand dieses (zeitlose) Interview.

Atombombe im Wunderkerzenkostüm herunterladen - Interview mit einer Freimaurerin

Mehr über das komplette Werk hier.

 
Ein Auszug:

Was ist Ihre Definition von Beeinflussung und Manipulation – also allem, was das freie Denken eingrenzt?

Ein Aufnahmekriterium unserer Loge ist ja, dass wir eine »freie Frau, von gutem Ruf« aufnehmen. Das ist noch eine altertümliche Formulierung. In den alten Pflichten, die um 1800 in England zusammen mit den ersten Großlogen entstanden, hieß es, dass »ein freier Mann, von gutem Ruf« aufgenommen wurde. Dieses »frei sein« bedeutet, sich frei die Zeit einzuteilen, dahin kommen zu können, gedanklich frei zu sein, um sich überhaupt einer solchen Idee verschreiben zu können. Frei sein in seinen Mitteln, um sich so etwas leisten zu können, einen solchen Abend verbringen zu können. Also etwas zu trinken, zu essen, einen Mitgliedsbeitrag zu zahlen. Das ist auch für die Loge wichtig, dass freie Frauen angesprochen werden. Wer uns beitritt, von dem fordern wir nicht, wie er zu sein hat oder was er wissen muss. Das wäre für mich sonst Manipulation. Ein Aufdrücken und unfrei machen nach dem Motto »Wenn du was willst, das musst du aber…« streben wir nicht an. Wir geben auch keinen Unterricht, sondern erwarten von neuen Mitgliedern, dass sie sich von selbst interessieren, fragen, diskutieren und sich Inhalte selber erarbeiten. Mir wird also nichts als Wahrheit oder Möglichkeit von außen angetragen. Man bekommt eher Anregungen durch Fragen, ob man diesen oder jenen Vortrag schon gehört oder ein bestimmtes Buch gelesen hat. Und jeder lernt in seinemTempo. Man merkt aber auch, dass es Frauen gibt, die erwarten, dass ihnen Jemand etwas beibringt oder klar macht. Wer das erwartet, ist allerdings falsch bei uns. Manipulation in der Loge sollte es nicht geben. Und ich glaube, das wäre auch ein Thema, auf das viele sehr empfindlich reagieren würden.

(...)

Kommt man in einer Gemeinschaft besser zu einer Erkenntnis, als alleine?

Auf jeden Fall. Zum einen macht es in der Gemeinschaft mehr Spaß, zum Anderen hilft es, über Jahre konstant an einem Thema zu arbeiten. Die Impulse, die man von anderen bekommt, kann man sich selbst gar nicht geben. Wir sind als Gruppe eben doch mehr, als jede Einzelne, da wir uns in Diskussionen gegenseitig auf andere Gedanken bringen, auf die wir alleine nicht oder erst sehr viel später gekommen wären. Das macht großen Spaß, zu sehen, wie sehr man von den Gedanken, der Kreativität und den Erfahrungen anderer profitieren kann. Ich denke, dass die Freimaurerei auch erst etwas nützt, wenn man eine Zeit lang dabeigeblieben ist und sich auf die Andern eingelassen hat. Man hat natürlich immer einen ersten Eindruck von Menschen, aber über die Jahre hinweg wird der sehr differenziert. Außerdem merkt man, wie andere sich verändern, weiter entwickeln und alt werden. Dadurch lernt man etwas über die eigene Endlichkeit und beginnt sich zu fragen, was man noch weiter im Leben aufschieben möchte und was nicht. Das habe ich in einer Gruppe natürlich ganz anders vor Augen, als wenn ich alleine bin. Auch das man Personen anders wahrnimmt, je nachdem wie man sich selber weiterentwickelt. Dann entdeckt man manchmal Seiten an den Anderen, die man vorher nicht wahrgenommen hat oder anders gedeutet hat.

Außerdem bestärkt man sich gegenseitig, dass diese Arbeit an sich selbst lohnend ist. Das tut man alleine nicht, da einen häufig andere Dinge von dem ablenken, was man eigentlich möchte. 
Wir interessieren uns füreinander, treffen uns und spornen uns gegenseitig an. Auch Erlebnisse, die uns berührt haben, teilen wir. Das ist eine schöne Form des Miteinanders.

 

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