Faszination Freimaurerei


Vortrag von Antje zum öffentlichen Vortragsabend ider Loge CONSTANTIA
m September 2017, 
alle Rechte vorbehalten. 

300 Jahre besteht die sog. „moderne“ oder auch „konstitutionelle" Freimaurerei in diesem Jahr, gerade in der vergangenen Woche, am 1. September, fand dazu in Hannover die deutsche zentrale Jubiläumsveranstaltung statt. Bundespräsident Walter Steinmeier äußerte sich in seinem (verlesenen) Grußwort voller Anerkennung auch zu der langen Zeitspanne: Es gebe nur wenige Institutionen, die auf eine so lange Geschichte zurückblicken könnten. Wohl wahr. Offenbar bietet die Freimaurerei Menschen über eine lange Zeit etwas, das anspricht und zum eigenen Engagement motiviert.

Was macht die Faszination aus? Ich möchte Ihnen darauf meine ganz persönliche Antwort geben.

Zu Beginn der 1930er Jahre gab es in Deutschland gut 100.000 Freimaurer. Die Dämonisierung der Freimaurerei durch die Nationalsozialisten, Verbot, Schließung der Logen und Enteignung der Logenhäuser führten zu einem dauerhaften gesellschaftlichen Unbehagen, das bis in unsere Zeit nachwirkt: Vielleicht war bei den Freimaurern doch nicht alles mit rechten Dingen zugegangen?

Es braucht sehr lange, bis das kollektive Bewusstsein alte Stereotypen ersetzt und Vorurteile revidiert.

Heute gibt es in Deutschland 15.000 Freimaurer und knapp 600 Freimaurerinnen. Die gesellschaftliche Wahrnehmung heute ist also schon ob der kleinen Zahl der Aktiven recht begrenzt. Faszination geht ja häufig von Unbekanntem, Geheimnisvollem aus: Das ist auch ein Teil der Faszination, mit der Dan Brown in seinen Bestsellern, etwa: Das verlorene Symbol, spielt. Es geht um irgendein allgemein nicht zugängliches oder verschollenes Wissen, über das eine kleine verborgene Gruppe mit Macht und Einfluss verfügt, die damit den Lauf der Welt zu ihren Gunsten beeinflusst und das Gemeinwohl gefährdet ohne, dass es die meisten Menschen ahnen.

Das ist jedoch nicht die Faszination, über die ich sprechen möchte. Die durch Dan Brown vermittelte gehört in das Reich der Fiktion und hat dort ihre Berechtigung.

Die gleiche verhängnisvolle Wirkung hat die Benennung der Freimaurerlogen als Geheimbünde. Es ist sachlich schlicht falsch. Die Logen sind eingetragene Vereine auf Basis der freiheitlichen demokratischen Grundordnung. Es gibt einen gewählten Vorstand als öffentliche Vertretung und eine Satzung, die beim Amtsgericht hinterlegt ist.

Dass wir nicht über alles öffentlich sprechen, was wir miteinander besprechen, macht uns nicht zum Geheimbund, es unterscheidet uns noch nicht einmal von anderen Vereinen.

Durch die Freimaurerei werden Menschen verbunden, die jeweils eine ganz eigene individuelle Vorstellung von Gott und der Welt haben. 

Das sagt sich heute recht leicht, leben wir doch in einer Gesellschaft, in der die individuelle Freiheit fast selbstverständlich ist. 

Ich vermag mit kaum vorzustellen, wie gewaltig dieser Satz zu einer Zeit geklungen haben mag, in der die Religionskriege mit ihren verheerenden Wirkungen auf Europa noch sehr präsent waren.

Die aktive Verbrüderung oder Verschwesterung von Menschen verbindet die sie über alles, was sie an anderer Stelle trennen mag. Die Zeile „Alle Menschen werden Brüder“ aus Schillers, später von Beethoven in seiner 9. Sinfonie vertonten, Gedicht „An die Freude“ trifft genau diesen Kern des Bemühens um persönliche Menschwerdung auf der einen Seite und der verbindenden Kraft eines sozialen Miteinanders auf der anderen Seite. 

Musikwissenschaftler, Komponist und Pianist Aribert Reimann: Nach all dem politischen Wirrwarr und den Schrecknissen der Zeit, die auch Beethoven selbst erlebt hat, ist dieses Werk am Ende ein Appell, eine Sehnsucht nach Verbrüderung, nach Freude und Jubel, nach der Utopie eines Weltfriedens, nach einer Welt ohne Kriege und Zerstörung.

In seiner Antrittsrede stellte der Bundespräsident die Frage nach dem Kitt, der die Gesellschaft zusammenhält. Ich bin überzeugt: Freimaurerlogen leisten in unserer Gesellschaft ihren Teil zum Verbinden von Menschen jenseits allem, was sie trennen mag. 

Ich möchte Ihnen zunächst einzelne typische Elemente der Freimaurerei bzw. der freimaurerischen Arbeit vorstellen.

1.    Arbeit mit Symbolen

Die Freimaurer, der Name legt es nahe, haben einen Bezug zum Bauhandwerk. Aus der Tradition der mittelalterlichen Dombauhütten und dem Bau der gotischen Kathedralen stammt eine Menge der Symbolik, mit der sich Freimaurerinnen auseinandersetzen.

Die Symbolik des Bauens ist für den Menschen leicht verständlich, das erleichtert den Einstieg in die Welt der Symbole.

Das Lot, das die Senkrechte anzeigt, kann anregen, die innere Haltung und die eigenen Motive auszuloten. Wir sagen ja auch: Etwas ins Lot bringen. Die Wasser- bzw. Winkelwaage, die die Waagerechte anzeigt, kann genutzt werden um zu reflektieren, ob der Umgang mit anderen auf gleicher Ebene stattfindet. Die Bildwelt der Symbole ist reich, klar und offen – zugleich erscheinen grundlegende Fehldeutungen ausgeschlossen. Die Bausymbolik umfasst alles, was für das Errichten eines tragfähigen Baus notwendig ist – im übertragenen Sinne kommen wir mit der Bausymbolik erstaunlich weit, wenn es um ein tragfähiges menschliches Miteinander geht. Jenseits der Bausymbole gibt es weitere in der FM, z.B. die kosmischen Symbole. Was für ein Kosmos sich bei der Beschäftigung mit Symbolen plötzlich eröffnet! Sie bieten der Freimaurerin vielerlei Möglichkeiten zur Reflexion, zur Diskussion, zum Herstellen von Zusammenhängen und zum Weiterdenken, vorausgesetzt, sie wird hier selbst aktiv.

2.    Freiheit im Denken

Die Freimaurer schätzen und verteidigen das unabhängige selbstständige Denken, ganz im Sinne der Aufklärung. Ist es im Ergebnis nicht heute manchmal gar nicht so viel anders als zur Zeit des Absolutismus? Durfte man damals die Welt nicht hinterfragen, so gibt es heute mannigfaltige Möglichkeiten, das schlicht nicht zu tun. Die „Erlaubnis“ zum Denken in der freien Gesellschaft schützt nicht vor Bequemlichkeit. 

Immanuel Kant: Faulheit und Feigheit sind die Gründe, dass ein so großer Teil der Menschen zeitlebens unmündig bleibt und es anderen so leicht macht. sie zu beherrschen.

Das Formulieren von Fragen wirft unseren Denkapparat an und bringt uns auf im wahrsten Wortsinne unkonventionelle Ideen. Wir haben in der Loge keine Angst davor, im Gegenteil. Wir ermutigen uns gegenseitig zum Weiterdenken. Selbst wenn ich den festen Vorsatz habe: Wo bleibt im Alltag eines Erwachsenen mit Familie und Beruf der Freiraum und das Umfeld, um frei zu denken? Um über Dinge zu sprechen, die ganz nah oder auch fernab vom Alltag sind? Persönlich finde ich diesen Raum in der Loge. In der Freimaurerei hat mich von Anfang an begeistert, dass mir niemand fertige Lösungen präsentiert hat. Ich wurde immer ermutigt, eigene Antworten zu finden. Und finde bis heute immer Schwestern, mit denen ich laut denken kann. Im Gespräch miteinander üben wir den Diskurs. Der Austausch von Erfahrungen und Ansichten nicht mit dem Ziel, den anderen zu überzeugen, sondern mit dem Wunsch, den eigenen Horizont zu erweitern, neue Positionen kennenzulernen und das Gespräch um eigene - neue - Gedanken zu bereichern.

3.    Begegnung mit sehr verschiedenen Menschen

Das Faszinierendste für mich überhaupt ist die Begegnung mit so verschiedenen Menschen, ein Spannungsfeld mit vielen Chancen.  Wem von meinen Schwestern wäre ich im Alltagsleben jemals begegnet? In der Loge treffen sich Frauen unterschiedlichen Alters und mit vollkommen verschiedenen Berufen und Lebenshintergründen, mit verschiedenem Glauben und verschiedenen Überzeugungen. Wir treffen hier auf ganz verschiedene Menschen, die jedoch eint, dass sie sich in herzlichem Wohlwollen und mit menschlichem Interesse begegnen. Das funktioniert auch außerhalb der eigenen Loge: Begegnungen mit Freimaurern in anderen Teilen Deutschlands oder auch im Ausland führen häufig sehr schnell zu intensiven Gesprächen jenseits des üblichen Small-Talks.

Als Frauenloge sind wir zugleich ein unabhängiges Frauennetzwerk und passen damit hervorragend in das Weltbild des 21. Jahrhunderts.

4.    Freimaurerische Arbeit - das Ritual

Die Mitglieder der Loge treffen sich monatlich zu einer besonderen Veranstaltung, einer ritualisierten Arbeit. Hier spielt die Symbolik eine wichtige Rolle. Der Ablauf der Veranstaltung ist vorgegeben, jede Teilnehmerin hält sich daran. Es gibt kein Ausscheren, keine Diskussion darüber, alles einmal ganz anders zu machen. Wir nehmen unseren vorgegebenen Platz ein und halten uns an den vorbestimmten Verlauf.

Diese freimaurerische Arbeit hat eine Wirkung, egal wie mein Part bei der Veranstaltung aussieht. Sie spricht den ganzen Menschen an und ist letztlich das, was uns von anderen Zusammenschlüssen wie Rotariern oder dem Lions Club grundlegend unterscheidet. Ohne die freimaurerische Arbeit keine Freimaurerei.

In unseren Frauenlogen sehen wir die Rituale als die Verbildlichung der Bauidee am Tempel als Ideal der Menschheit. Wir treffen uns in der Loge und setzen die Werkzeuge im übertragenen Sinne ein, wenn wir uns mit einem Thema befassen – wir loten aus, wägen ab, wir suchen Maßstäbe und maßgebende Gesichtspunkte. (Helga Widmann, Interview Stuttgarter Zeitung, 1.9.2017)

5.    Grade - Kennenlernen Schritt für Schritt

Wie in der alten Handwerkstradition werden auch in der Freimaurerloge die neuen Mitglieder langsam an die Inhalte herangeführt. Wir nehmen uns Zeit und gestatten auch den neuen Mitgliedern Zeit zu, sich langsam mit der Freimaurerei vertraut zu machen. Zugleich formulieren wir verschiedene Aufträge an die Lehrlinge, Gesellinnen oder Meisterinnen. Das schärft den Blick für das Wesentliche und schützt vor Verzettelung und der Gefahr, „den Wald vor lauter Bäumen nicht zu sehen“.

6.    Die Welt im Kleinen

Die Loge stellt gewissermaßen die Welt im Kleinen dar. Beziehungsgefüge, Regeln und mein eigener Platz darin sind leichter zu durchschauen als im Alltag mit seinen viel umfangreicheren Rollen. In der Loge bin ich Schwester. Nicht Mutter, Tochter, Freundin, Mitarbeiter, Chef oder was auch immer. Die Reduktion führt zu einer Art Laboratmosphäre, die uns ermöglicht, Aktion und Reaktion klarer zu erkennen. Die dazu anregt, Neues auszuprobieren um es dann ggf. auch an anderer Stelle in unserem Leben zu verändern. 

Jetzt besteht Ihre Aufgabe darin, alle diese verschiedenen Aspekte gedanklich zu einem Bild zusammenzubringen.

Freimaurerei bietet einen Weg zur Persönlichkeitsreifung und Entwicklung. Nicht etwa den einzigen, aber einen validen. In seinem Buch „Freimaurer in 60 Minuten“ spricht Autor und Bruder Philip Militz plakativ vom „erfolgreichsten Persönlichkeitstraining der Weltgeschichte“. 
Richtig ist: Die Kombination aus freiheitlichem Denken, Verbrüderung mit Gleichgesinnten und dem immer wieder Erleben der rituellen freimaurerischen Arbeit wirkt. Die Methode ist zeitlos, weil die Inhalte zeitlos sind und jede dogmatische Vorgabe oder Lehre fehlt. Die Menschen, die die Methode verfolgen, die Freimaurer sind, sind jedoch ohne ihren Zeitbezug nicht vorstellbar. Das führt letztlich zu der sehr besonderen Tatsache, dass Freimaurerei über Jahrhunderte hinweg Menschen angesprochen hat und weiter anspricht.

Ein gesellschaftlicher Chic hat zu manchen Zeiten die Verbreitung gefördert, doch im Grundsatz war die Zeitlosigkeit immer zeitrelevant! 

Dafür wichtig ist auch die Erkenntnis: Bei der individuellen Entwicklung bleibt die Idee der Freimaurerei nicht stehen! Sonst beförderte sie eine Kultur der, sagen wir, „optimierten Individualisten“ - dem ist nicht so. Die Entfaltung der eigenen Persönlichkeit ist Voraussetzung um positiv im alltäglichen Umfeld wirken zu können. Grau ist alle Theorie! Freimaurer sollen sich bewähren und jeweils nach den eigenen Möglichkeiten in ihrem Einflussbereich tatkräftig die Toleranz, Humanität, Menschenliebe und Brüderlichkeit fördern. 

Wie sie das taten oder tun?

Hier ist wiederum die Zeit eine bestimmende Größe. Im 18. Jahrhundert hat das sicher anders ausgesehen, als heute. Die Möglichkeiten waren verschieden und die Interpretation der Begriffe sicher auch.

Als Freimaurerinnen heute ist unsere Aufgabe, die Punkte zu finden, an denen wir heute positiv wirken können. Als Individuum genauso wie als Gruppe, hier etwa durch das Setzen von relevanten Themen in unserem Logenjahr und durch die Unterstützung von Initiativen und Projekten, die uns in diesem Sinne wichtig und richtig erscheinen. Dieser wohltätige Aspekt ist bislang nicht zur Sprache gekommen, ist jedoch ein wichtiger für die Freimaurer. Denn die Selbsterkenntnis der eigenen Möglichkeiten und der Wunsch Gutes zu tun führen unweigerlich zu einem Engagement für die Benachteiligten und Hilfsbedürftigen.

Ich stelle fest: Was mich fasziniert an der Freimaurerei ist nicht leicht zu beschreiben und dadurch für Sie nicht leicht nachzuvollziehen.

Es ist die Kombination aus symbolischem Lehrgebäude, der Begegnung mit anderen Menschen, der regelmäßigen Beschäftigung (die Lernen und Entwicklung überhaupt möglich macht) und der rituellen Arbeit. Eine philosophische Schule mit lebenspraktischem Bezug. Und das Bewusstsein, dass Jahrhunderte vor mir Menschen auf diese Weise für eine bessere Welt gearbeitet haben und der Annahme, dass dies auch nach mir weiter so sein wird. 

Doch vielleicht ist diese Faszination, die ich so schwer fassen lässt, das eigentliche Geheimnis. Etwas, das sich mit Worten nicht mitteilen lässt.

 

 

 

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